DIE DARM-GEHIRN-ACHSE

Immer mehr Studien zeigen, dass der Darm bei der Entstehung und dem Verlauf der Parkinson-Krankheit eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Veränderungen der Darmflora (Mikrobiom) sowie früh auftretende Beschwerden wie Verstopfung deuten darauf hin, dass die Parkinson-Krankheit möglicherweise im Darm beginnt und über die sogenannte Darm-Gehirn-Achse das zentrale Nervensystem beeinflusst. Mit einer Reihe von Studien untersuchen wir das Zusammenspiel von Mikrobiom, Darm und Gehirn in Hinblick auf die Entstehung der Parkinson-Krankheit und versuchen hieraus individuelle therapeutische Behandlungsansätze abzuleiten.

  • Mikrobiom- und Metabolom – Studien:
    Unser Körper beherbergt Billionen von Mikroorganismen – Bakterien, Viren und Pilze –, die gemeinsam als Mikrobiom bezeichnet werden. Der größte Teil dieses mikrobiellen Ökosystems lebt in unserem Darm und beeinflusst weit mehr als nur unsere Verdauung: Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Darmmikrobiom eine bedeutende Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf chronischer Erkrankungen spielen kann – darunter auch die Parkinson-Krankheit.

    Wie genau könnte der Darm mit der Parkinson-Krankheit zusammenhängen? Wissenschaftler:innen diskutieren mehrere Mechanismen: Zum einen können bestimmte Veränderungen im Mikrobiom Entzündungsprozesse im Körper fördern (sogenannte Inflammation). Zum anderen kann eine gestörte Darmflora die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen – ein Phänomen, das als „Leaky Gut“ bekannt ist und dazu führt, dass schädliche Substanzen leichter in den Blutkreislauf gelangen. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass sich im Darm bereits früh Fehlfaltungen eines bestimmten Eiweißes – des Alpha-Synukleins – bilden können, das eng mit der Entstehung der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebracht wird.

    Gemeinsam mit dem Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der Universität Kiel untersuchen wir in verschiedenen Studien, wie sich das Darmmikrobiom in unterschiedlichen Phasen der Parkinson-Erkrankung verändert. Dabei interessiert uns nicht nur der Darm allein: Durch den Vergleich mit dem Mikrobiom der Mundhöhle erhoffen wir uns zusätzliche Erkenntnisse – etwa darüber, ob sich anhand dieser Kombination verschiedene Unterformen (Subtypen) der Erkrankung besser voneinander unterscheiden lassen. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer individuelleren und zielgerichteteren Behandlung.

    In Zusammenarbeit mit dem Institut für Humanernährung der Universität Kiel gehen wir außerdem der Frage nach, welche Stoffwechselprodukte (Metabolite) das Mikrobiom produziert und wie diese auf das Gehirn wirken. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf sogenannten kurzkettigen Fettsäuren – kleinen Molekülen, die im Darm entstehen und möglicherweise einen direkten Einfluss auf neurologische Prozesse haben, die bei der Parkinson-Krankheit eine Rolle spielen.t für klinische Molekularbiologie (IKMB) untersuchen wir die Zusammenhänge zwischen oralem und enteralem Mikrobiom und der Entstehung der Parkinson-Krankheit.
  • Darmbiopsie-Studie:
    Um die Zusammenhänge zwischen Darm und der Parkinson-Erkrankung noch besser zu verstehen, reicht es nicht aus, das Mikrobiom allein zu betrachten – auch die Darmwand selbst gerät zunehmend in den Fokus der Forschung. In einer engen Kooperation mit der interdisziplinären Endoskopie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) Kiel, dem Institut für Anatomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie dem Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) untersuchen wir Gewebeproben der Darmwand auf histopathologischer und molekularbiologischer Ebene. Diese Untersuchungen erfolgen bei Menschen mit einer gesicherten Parkinson-Erkrankung, bei Personen mit einer isolierten REM-Schlaf-Verhaltensstörung sowie bei Menschen mit einer Multisystematrophie, einer verwandten neurologischen Erkrankung. Dieser Vergleich ermöglicht es uns, krankheitsspezifische Veränderungen im Darm besser einzuordnen und möglicherweise frühe Hinweiszeichen zu identifizieren.

    Ein weiterer wichtiger Baustein unserer Forschung befasst sich mit dem Immunsystem. Gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Hutloff vom Institut für Immunologie des UKSH Kiel untersuchen wir, ob und wie bestimmte Zellen des Immunsystems – sogenannte T- und B-Lymphozyten – bei Parkinson-Patient:innen verändert sind. Diese weißen Blutkörperchen sind zentrale Akteure der körpereigenen Abwehr und spielen eine entscheidende Rolle bei Entzündungsreaktionen. Es erfolgt eine Analyse in verschiedenen Körpermaterialien: im Blut, im Nervenwasser, sowie direkt in den entnommenen Darmgewebeproben.
    Ziel ist es herauszufinden, ob immunologische Veränderungen zum Fortschreiten der Erkrankung beitragen – und ob sie künftig als Ansatzpunkt für neue Therapiestrategien dienen könnten.

  • Bildgebende Studien:
    Unter der Leitung der Klinik für Radiologie des UKSH Kiel führen wir spezielle MRT-Studien durch um die Beweglichkeit des Darms sichtbar und messbar zu machen. Ziel ist es, besser zu verstehen, ob und wie die Darmbeweglichkeit bei Menschen mit Parkinson-Krankheit im Vergleich zu Gesunden verändert ist, wie sich diese Veränderungen im Krankheitsverlauf entwickeln und ob sie möglicherweise mit anderen Krankheitsmerkmalen zusammenhängen.

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